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Ein Datenformat für alle Regulierungen zur Produktnachhaltigkeit – der Digitale Produktpass als Single Source of Truth

August 28, 2026

PPWR, ESPR und weitere produktspezifische Anforderungen bedeuten aufwändige Datenarbeit, oft in isolierten Systemen. Der Digitale Produktpass kann einen wichtigen Beitrag zur Lösung dieses Problems leisten: durch die zentrale Strukturierung relevanter Produktdaten, ihre Nutzung für verschiedene Compliance-Anforderungen sowie die Verbesserung interner Prozesse.

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag. Die geäußerten Ansichten sind die der Autoren und spiegeln nicht unbedingt die Position von osapiens wider. Er gibt den Stand der Rechtslage im August 2026 wieder und dient der allgemeinen Information, nicht der Rechtsberatung.

PPWR, ESPR und weitere produktspezifische Anforderungen bedeuten aufwändige Datenarbeit, oft in isolierten Systemen. Der Digitale Produktpass kann einen wichtigen Beitrag zur Lösung dieses Problems leisten: durch die zentrale Strukturierung relevanter Produktdaten, ihre Nutzung für verschiedene Compliance-Anforderungen sowie die Verbesserung interner Prozesse.

Von Timo Ernst, Julia Urbauer und Lina Dawid, Sustainable AG Unternehmensberatung

Regulatorik im Dauerlauf

Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) ist kaum verdaut, schon klopfen die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR), die Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) und der Digitale Produktpass (DPP) an die Tür. Für Nachhaltigkeitsverantwortliche und Produktentwickler:innen fühlt sich das oft an wie ein regulatorischer Dauersprint: jede Regulierung ein eigenes Projekt, ein eigenes Budget, ein eigenes Datenformat.

Bei genauerer Analyse zeigt sich jedoch, dass die Anforderungen weniger isoliert sind, als es zunächst scheint. Viele produktbezogene Anforderungen greifen auf dieselben Daten zurück: Materialzusammensetzung, Recyclingfähigkeit, CO₂-Fußabdruck und Herkunftsnachweise. Die eigentliche Herausforderung ist also nicht, noch mehr zu berichten, sondern die vorhandenen Daten sinnvoll zu strukturieren und in den jeweiligen Systemen, Prozessen und Prozessschritten einzusetzen.

Aktueller Ausgangspunkt

Dass dieser Blick auf die Daten gerade jetzt lohnt, zeigt ein Stück weit auch der regulatorische Kalender: Seit dem 20. Juli 2026 ist das europäische DPP Registry mitsamt Testumgebung live – die zentrale Infrastruktur, über die Produktkennungen und Metadaten künftig registriert werden, während die eigentlichen Produktinformationen dezentral bei den Unternehmen bleiben. Der DPP verlässt damit gerade das Reißbrett und wird technische Realität.

Eine allgemeine DPP-Pflicht ergibt sich daraus noch nicht – welche Daten für welche Produktgruppe konkret verlangt werden, legen weiterhin die delegierten Rechtsakte unter der ESPR fest, jeweils mit einer Übergangsfrist von mindestens 18 Monaten nach ihrer Verabschiedung. Wer aber wartet, bis alle Details final sind, verschenkt Zeit: Ein früher technischer Test lohnt sich schon jetzt. Für Unternehmen heißt das: Datenmodelle und Stammdaten jetzt vorbereiten.

Die Schnittmenge liegt in den Produktdaten

Die verschiedenen Anforderungen überschneiden sich an einer entscheidenden Stelle: bei den Produktdaten. Die ESPR verlangt je nach Produktgruppe Informationen zu Materialien und Produkteigenschaften. Die PPWR betrifft Verpackungen, etwa mit Blick auf Recyclingfähigkeit und Rezyklateinsatz. Ein Product Carbon Footprint (PCF) macht die Klimawirkung eines Produkts messbar.

Der gemeinsame Nenner dieser produktbezogenen Anforderungen sind verlässliche Daten entlang der Wertschöpfungskette. Wer sie einmal sauber aufbaut, beantwortet damit mehrere regulatorische Fragen gleichzeitig – und vermeidet Insellösungen je Anforderung.

Konkret: Der Rezyklat-Anteil einer Verpackung, den Sie für die PPWR dokumentieren, ist derselbe Datenpunkt, den Sie für den PCF Ihrer Produkte brauchen und der später im DPP auftauchen kann. Wer ihn in drei getrennten Excel-Sheets pflegt, macht dreimal dieselbe Arbeit.

Der DPP bündelt Produktinformationen, nicht die gesamte Regulierung

Sustainability Compliance bleibt ein Kostentreiber, solange wir es als reines Reporting behandeln. Wer es stattdessen in bestehende Prozesse und Systeme integriert, macht daraus einen echten Werthebel – für Synergien, effizientere Entscheidungen und bessere Produkte.

Der Digitale Produktpass ist nicht einfach die nächste Berichtspflicht. Er stellt Produktinformationen strukturiert entlang der Wertschöpfungskette digital bereit. Die Standards und die technische Lösung sind dabei nur die Form – entscheidend ist, welche Daten Sie erfassen, wie Sie damit Ihre Wertschöpfungskette aktivieren, wie verlässlich diese Daten sind und wer sie pflegt und bereitstellt.

Wer den DPP als gemeinsame Datenbasis aufsetzt, kann Produktdaten mehrfach nutzen. Einkauf, Produktentwicklung, Sales und Nachhaltigkeit arbeiten dann mit denselben Informationen in unterschiedlichen Aggregationsstufen, statt jeweils eigene Listen zu führen.

Ein Beispiel: Ihre Produktentwicklung prüft, ob ein alternativer Kunststoff die Recyclingfähigkeit verbessert. Der Einkauf braucht dieselbe Information für die Lieferantenbewertung. Das Nachhaltigkeitsteam nutzt sie für den Product Carbon Footprint, die Kommunikation für belastbare Produktangaben. Liegen diese Daten an einem Ort, entfällt ein Großteil der Abstimmung zwischen den Abteilungen. Eine Anfrage an Lieferanten lässt sich einmal aufsetzen, statt sie für jede Regulierung neu zu formulieren. Und ändern sich Materialien, reicht es, eine Stelle zu aktualisieren.

Was Unternehmen jetzt tun sollten

Fünf konkrete Schritte:

  1. Betroffenheit klären: Ordnen Sie Ihre Produktgruppen den relevanten Anforderungen zu. Ausgangspunkt ist der ESPR-Arbeitsplan 2025–2030 der EU-Kommission: Er listet, welche Produktgruppen wann priorisiert werden. Ergänzend lohnt ein Blick auf die produktspezifischen Anforderungen der PPWR, etwa zu Rezyklatanteilen und Recyclingfähigkeit. Halten Sie fest, welche Daten bereits in welcher Qualität und Granularität vorliegen und wo Sie auf Lieferanten angewiesen sind.
  2. Überschneidungen kartieren: Nehmen Sie eine konkrete Produktgruppe und legen Sie die wichtigsten Datenpunkte daneben: Materialzusammensetzung, Rezyklatanteil, Recyclingfähigkeit, Herkunft und CO₂-Fußabdruck. Markieren Sie, welche Abteilung die Information heute pflegt und in welchem System sie liegt.
  3. Mit einem realen Fall starten: Wählen Sie ein Produkt, bei dem in den nächsten Jahren regulatorischer Handlungsdruck besteht. Prüfen Sie daran, ob sich die Daten mit vertretbarem Aufwand erfassen, aktualisieren und weitergeben lassen – und an welchen Knotenpunkten in Einkauf, Produktentwicklung und Vertrieb Prozesse angepasst werden müssten.
  4. KPI und Verantwortung festlegen: Bestimmen Sie für jeden Datenpunkt eine verantwortliche Person oder Funktion. Klären Sie, wer Daten freigibt, wie Änderungen dokumentiert werden und wann Lieferanten Informationen aktualisieren müssen. Legen Sie fest, wie Sie den Fortschritt messbar machen.
  5. Ergebnis prüfen: Messen Sie neben Datenqualität und Fortschritt bei relevanten Indikatoren auch die Prozessqualität – etwa, ob Lieferantenanfragen schneller beantwortet werden, ob Doppelpflege entfällt und ob Produktentwicklung und Nachhaltigkeit auf derselben Datengrundlage arbeiten.

Der DPP ist kein Selbstzweck

Der DPP muss nicht bei null anfangen. Er kann der Anlass sein, Produktdaten einmal so aufzubauen, dass sie in mehreren Prozessen funktionieren – im Einkauf, in der Produktentwicklung, im Nachhaltigkeitsreporting und später auch in der Kundeninteraktion. Der Initialaufwand schafft die Voraussetzung dafür, dass dieselbe Information nicht immer wieder neu gesucht, geprüft und eingepflegt werden muss.

Wenn diese Datenbasis funktioniert, kann daraus im nächsten Schritt mehr entstehen: Materialdaten von Lieferanten lassen sich regelmäßiger einbinden, Informationen aus Nutzung und Wartung fließen zurück in die Produktentwicklung, und Rücknahme oder Aufarbeitung lassen sich gezielter organisieren. All diese Schritte sind möglich – entscheidend ist, heute den ersten zu gehen: mit einem konkreten Produkt und wenigen relevanten Datenpunkten.

Sie wollen den ersten Schritt gehen oder tiefer einsteigen?

Am 24. September 2026 ladet die Sustainable AG Unternehmensberatung zum Product Sustainability Lab nach Köln ein: ein Tag voll Produktregulatorik zum Anfassen, mit interaktiven Workshops zu Product Accounting, nachhaltigen Lieferketten und zirkulären Geschäftsmodellen. Außerdem gibt es eine Live-Demo des Digitalen Produktpasses im DPP oLab mit unserem Partner osapiens.

Begrenzt auf 30 Teilnehmende. Kostenfrei. Jetzt kostenlos anmelden